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Montag, 31. Dezember 2012

Verteidigung der Missonarsstellung

Rechtzeitig zum Jahresende habe ich erfolgreich die Missionarsstellung verteidigt und den neuen Roman von Wolf Haas beendet. Was innovative Erzählweise und grafische Ausgestaltung angeht wohl das überraschendste und beste Buch seit langem. Schon alleine der Mut und die Unverfrorenheit der Umsetzung verdienen Anerkennung und mindestens einen Stern extra. Die eigentliche Story vermag da nicht ganz mitzuhalten, obwohl auch die sich kreativ und amüsant anlässt, handelt sie doch von einem gewissen Benjamin Lee Baumgartner, welcher sich immer dann verliebt, wenn auf der Welt eine gefährliche Seuche ausbricht (Rinderwahn, Vogelgrippe, Schweinegrippe, SARS). Textlich schwankt der Roman "ungefähr oder genau" zwischen genial und biederem Durchschnitt, Abzüge gibt es auch dafür, dass mehrere Romanfiguren mit den selben Sprachfehlern kämpfen, was auf Dauer den Witz verliert. Insgesamt aber ein unterhaltsames, gelungenes Buch das den Leser immer wieder überrascht! 

Mittwoch, 12. September 2012

Blumenberg

Ein herausforderndes Buch, das hohe Niveau sprachlich wie auch erzählerisch verlangt die ganze Aufmerksamkeit des Lesers, vielleicht gerade deshalb hat sich meine Lektüre über Monate hinweg verzögert. Doch es kann nicht Fehler des Buches sein, wenn sich der Leser im Alltagstrott verzettelt und dadurch zusehends Mühe hat sich in der Geschichte nach Lesepausen wieder zurechtzufinden. Auffallend ist die unglaublich schöne sprachliche Ausdrucksweise, die vielen treffenden Vergleiche und Metaphern und die warmherzige Betreuung der Figuren, selbst wenn diese eigentlich durchwegs dem frühen oder späten Tode zugeführt werden. In jedem Fall eine Empfehlung, vielleicht nicht gerade als leichte Strandlektüre, doch im Hinblick auf den kommenden Winter fürs frühe Eindunkeln am knisternden Kaminfeuer geeignet...

Mittwoch, 25. April 2012

Vom Ende einer Geschichte

Booker-Preis 2011 für Julian Barnes mit "The Sense of an Ending", in der deutschen Übersetzung gelesen. Ein tolles Buch, von der Konzeption und der Charakterisierung des Protagonisten her ein bisschen an Peter Stamms Werke erinnernd. Die Story, beginnend in den wilden Jugendjahren, wird uns von der gealterten Hauptfigur etwas verklärt auf ihr Leben rückblickend Stück um Stück enthüllt, wobei der Leser immer stärker in den Sog der Geschichte hineingezogen wird und immer häufiger an der Wahrnehmung des Erzähler zu zweifeln beginnt... Ein wunderbarer Schlusssatz entschädigt für die leicht aufgesetzte überraschende Enthüllung im Finale.

Samstag, 8. Oktober 2011

Festland

Lange lange im Büchergestell gelagert, vergessen, wieder in der Hand gehalten, weggelegt, und nun endlich auf langen Zugfahrten in England und auf dem Flughafen innert wenigen Tagen verschlungen. Ein Buch wie ein modernes Ornament über das Leben und die Liebe mit allen Facetten. Wer "Am Hang" mochte, der kommt auch hier voll auf seine Kosten, und das könnte dann auch der einzige Kritikpunkt sein, in Aufbau und Dramaturgie erinnert einiges an den "Hang", obwohl man da "Festland" unrecht tut, denn dieses Buch schrieb Markus Werner einige Jahre zuvor...

Sonntag, 11. September 2011

Der Glückliche

Zufällig in einer Bücherbrockenstube auf diesen Roman von Hansjörg Schertenleib gestossen und nun in den Ferien in Schottland gelesen, und obwohl die Geschichte sich öfters in engen spährischen Jazzclubs in Amsterdam abspielt,  kam auch die Stimmung in englischen Pubs mit Live-Bands irgendwie passend zur Lektüre... Inhaltlich handelt es sich um ein leichtes, flüssiges Buch in welchem man zwar schon rasch erahnt, dass dem "Glücklichen" doch irgendwo hinter dem Vorhang noch das Schicksal auflauert, was aber keineswegs den Lesegenuss schmälert. Einige ganz schöne Metaphern und Weisheiten übers Leben bekommt man sozusagen im Liegewagen nebenbei serviert, ein Buch das man zwar vielleicht nicht für immer in Erinnerung behält, dafür aber auch gut und gerne nach ein paar Jahren noch ein zweites Mal lesen kann...

Freitag, 13. Mai 2011

Agnes

Nach Seerücken hat mich ein kleines Stamm-Virus befallen, ich gebe es ja zu, und so habe ich in Verbania auch gleich einen seiner älteren Romane verschlungen: Agnes. Die Geschichte einer Liebe wie sie sich jederzeit überall ergeben könnte, mit einem wunderschönen romantischen Anfang wo alles passt und glänzt, mit den Wirrungen und Abnützungen in der Mitte und mit einem melancholischen aber passenden Schluss. Liest sich wirklich in einem Zug und ist nie kitschig, was ich an Peter Stamm sehr schätze. Und ja, mein nächstes Buch ist auch ein Stamm...

Mittwoch, 4. Mai 2011

Seerücken

Die neuen Erzählungen von Peter Stamm. Die passende Lektüre für einen 4-tägigen Kurzurlaub am sonnigen Lago Maggiore (Verbania). Eigentlich bin ich ja nicht unbedingt ein Freund von Kurzgeschichten, muss aber hier anerkennen, dass es Ausnahmen gibt und dieses Buch toll gelungen ist. Jede der Geschichten ist in ihrer Art eigentümlich, bemerkenswert, durchdringlich und auch etwas schräg, verstörend. Mir hat's sehr gefallen, trotz des kargen, nüchternen Stamm-Stils kommen einem die Figuren sofort nahe.

Dienstag, 5. April 2011

Alle sieben Wellen

Die Fortsetzung von "Gut gegen Nordwind". Was soll ich sagen, Fortsetzungen kommen ja selten ans Original heran, und wenn ich hier den Begriff Original verwende, dann wird mir gleich bewusst, dass ich damit diesen Nachfolger indirekt zur Kopie stemple. Und das ist es wohl letztlich auch, wenn auch eine gute Kopie. Diesmal sogar mit Happy Ending, oh, das hätte ich wohl nicht verraten dürfen... nun ja, mir hat "Gut gegen Nordwind" besser gefallen, aber trotzdem, auch hier findet man wieder sehr viel Wahres über die Liebe und vorallem sehr viel Humor und tolle schnittige Schreibduelle. Auf jeden Fall lesenswert.
5 Sterne

Freitag, 1. April 2011

Der alte König in seinem Exil


Lesetipp! Arno Geiger schreibt feinfühlig über den Beginn und die Entwicklung der Demenz seines Vaters, mit viel Humor und Skurriliät aber ohne die Ernsthaftigkeit dieser Krankheit auszublenden oder sich einfach nur darüber lustig zu machen.


Ich reiche ihm seine Socken, er betrachtet die Socken ein Weilchen mit hochgezogenen Augenbrauen und sagt dann: „Wo ist der dritte?“

(Zitat aus dem Buch)

Mittwoch, 1. September 2010

Pferde stehlen

In den Sommerferien in Schweden gelesen, passte natürlich wie die Faust aufs Auge. Langsamer, gemächlicher, fast schleppender Erzählstil. Lässt sich viel Zeit für die Figuren, kann über Seiten hinweg beschreiben wie ein alter Mann im schwedischen Niemandsland Holz hackt... doch dann hat es immer wieder diese kleinen feinen Episoden die einem ans Herz gehen und schliesslich sind da Sätze, die sich im Gedächtnis einbrennen und man Tage, ja Wochen, Monate nicht los wird... und eine wirklich tolle Schlussszene (völlig unspektakulär, aber berührend).
5 Sterne